UNTERWEGS

Schuhe am Wegesrand, auch weiße Zipfelmützen


22.02.26 Wenn man auf Wanderschaft ist und unterwegs Schuhe zum Wechseln findet scheint das eine prima Sache. "Scherz". Die Bibliothekarin in spe Renate Zimmermann ist seit Anfang des Jahres unermüdlich unterwegs, die Berliner Straßen zu erkunden.


Es ist schon sehr interessant, was man auf seinen Wegen alles so sehen kann, wenn man nur bewusst hinsieht. Nicht nur Schuhe am Wegesrand, auch weiße Zipfelmützen. Oder wer hat schon einmal die 1930 visionierte und doch nie gebaute AVUS-Südkurve gesehen? 

Wer gern so viel mehr über Berlin erfahren möchte, aber sich nicht selbst zum Wandern aufraffen kann, ist im Wander-Blog von Renate Zimmermann gut aufgehoben.

Wer zumindest digital-live dabei sein will, kann den Blog auch abonnieren.  In diesem Blog geht es vor allem um die Fortbewegung zu Fuß, seit 2026 vornehmlich durch alle Straßen Berlins. 




Auszug aus einem Bericht vom 12. Februar 2026:

Heute muss ich mit meinem Bericht ausnahmsweise schon bei der Anreise beginnen, denn ein Erlebnis in der S-Bahn lässt mich einfach nicht los.

Am wuseligen Bahnhof Ostkreuz gehört schon einiges dazu, die Aufmerksamkeit der Menschenmassen auf sich zu ziehen, aber einem vermutlich Obdachlosen gelingt es mühelos, die Geräuschkulisse mit seinem Geschrei zu übertönen.

Er steigt in den vollen Wagen ein, in dem auch ich sitze und innerhalb weniger Minuten hat er ganz viel Freiraum und bald sogar einen Sitzplatz, weil alle in seiner Nähe flüchten. Aus Angst oder wegen des Geruchs, sei dahingestellt.

Das alles ist leider nichts Ungewöhnliches, vermutlich hat das jeder schon erlebt. Was mich jedoch aufrüttelt, sind seine Worte. Ganz offensichtlich hat er eine Stimme im Kopf, die mit ihm spricht, und diesen Dialog gibt er bühnenreif zum Besten.

Die Stimme spricht leise und sanft mit ihm, bringt ihn aber oft dermaßen auf die Palme, dass er sehr laut sein Missfallen äußert und die Dinge aus seiner Perspektive klarstellt.

Dabei geht es um Gewalt, die ihm und anderen angetan wurde, oft ist von Stahl die Rede, von Schmerzen, dass man so etwas nicht macht, dass man Menschen helfen muss, damit sie den Schmerz loswerden, aber auch von Käsebrötchen, ob er jetzt auch noch „Bitte, bitte, ich bin auch ganz lieb!“ sagen muss, dass ihm ein türkischer Ladenbesitzer die Tür vor der Nase zugeschlagen hat, obwohl er schon blaugefroren war.

Dazwischen immer wieder die besänftigende Stimme in seinem Kopf, der er auch Gehör verschafft. Als er dann seinen Schuh auszieht und ein nackter, zerklüfteter, aber bandagierter Fuß zum Vorschein kommt, flüchtet auch der Letzte aus seiner unmittelbaren Nähe. Auch wenn er ab und zu schreit, drücken seine Worte Selbstachtung und eine Restwürde aus, um die er erbittert kämpft.

Schon lange nicht mehr hat mich ein trauriges Schicksal so berührt und ich überlege, was ihn wohl dermaßen aus der Bahn geworfen hat. Ich beobachte, wie am Bhf. Friedrichstraße eine Frau aussteigt und den Wachschutz informiert und so dauert es nur noch bis Zoo, als zwei Security-Männer die traurige Gestalt rausholen aus dem Zug.

Er will wissen, wieso er aussteigen soll und sie blaffen ihn an: „Du belästigst die Leute.“ Er: „Sie haben mich zu siezen!“ Der Wachschutz: „Wichser!“ Nun frage ich hier in die Runde: Was ist das für ein Benehmen? Erstens hat er niemanden belästigt (höchstens olfaktorisch) und zweitens verdient auch er Respekt!

Er hat nicht gebettelt, niemanden angegriffen und benötigt ganz offensichtlich Hilfe. Dieses Erlebnis hat mich sehr bewegt.

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