BUNTES

Klebender Spaziergang die Promenade lang


24.04.26 Es gibt sie noch, die wahren Idealisten unserer Zeit. Menschen mit Mission. Menschen mit Haltung. Menschen, die nicht ruhen, bis auch die letzte Bank, der letzte Laternenpfahl und die letzte Häuserwand endlich das bekommt, was ihr offensichtlich gefehlt hat: einen Aufkleber.


Oder besser noch: dreißig.

Man stelle sich vor, man geht durch eine Stadt und sieht… nichts. Saubere Flächen. Glatte Oberflächen. Ruhe.

Ein Albtraum.

Zum Glück gibt es jene mutigen Gestalter, die diesem Zustand entschieden entgegentreten.

Mit Kleber, Spraydose und einem unerschütterlichen Glauben daran, dass die Welt erst dann vollständig ist, wenn irgendwo „NO FUTURE“, „FREE IRGENDWAS“ oder ein kryptisches Symbol prangt, das selbst der Urheber zwei Tage später nicht mehr erklären kann.

Besonders beeindruckend ist dabei die Konsequenz.

Eigentum? Nebensache.
Erlaubnis? Überbewertet.
Geschmack? Ein koloniales Konstrukt.

Denn wahre Kunst kennt keine Grenzen. Schon gar nicht die anderer Leute.

Man muss sich das Können dieser Menschen vor Augen führen. Mit chirurgischer Präzision wird ein nagelneuer Mülleimer innerhalb von 17 Minuten „veredelt“.

Eine frisch gestrichene Wand? Ein leeres Versprechen, das sofort eingelöst werden muss.

Öffentliche Bänke? Geradezu eine Einladung zur kreativen Selbstverwirklichung.

Und dann diese Vielfalt!

Sticker über Sticker über Sticker – eine archäologische Schichtung moderner Befindlichkeiten.
Ein visuelles Tagebuch der großen Fragen unserer Zeit.

Wer war hier zuerst?

Wer hat den besseren Kleber?

Und warum löst sich mein Sticker schon wieder, während der von „Kalle_420“ offenbar für die Ewigkeit gemacht ist?

Natürlich wird das alles oft als „Vandalismus“ bezeichnet. Ein hartes Wort.

Denn ist es nicht vielmehr ein Akt der Hingabe?

Eine stille Liebeserklärung an jede Oberfläche, die noch nicht vollständig ruiniert ist.

Und überhaupt. Wer braucht schon gepflegte Städte, wenn man auch ein ständig wachsendes, unkoordiniertes Gesamtkunstwerk haben kann?

Ein Werk, das sich dadurch auszeichnet, dass es niemand bestellt hat, niemand pflegt und niemand mehr entfernen kann, ohne danach selbst wie der Feind der Freiheit dazustehen.

Vielleicht sollten wir es einfach anerkennen. Diese Menschen leisten Großes.

Sie erinnern uns daran, dass Ordnung nur ein vorübergehender Zustand ist – und dass irgendwo immer jemand mit einem Sticker wartet.

Bereit, die Welt ein kleines bisschen „bunter“ zu machen. Ob sie will oder nicht.



Fotos: Uta Baranovskyy
















Viel Neues auch auf Instagram und Youtube

Copyright © 2026 Marzahner-Promenade.berlin
created by 3-w-media.de