KRIMI-SERIE

Alles, was du tun musst, ist, diesen Code zu knacken.

Krimi-Serie, geschrieben von Mitgliedern der Schreibwerkstatt der Zentralbibliothek "Mark Twain" gemeinsam mit Autor Vincent Kliesch. - hier mehr

05.02.23 Kapitel 3

Erschrocken zuckte Helena zusammen. Zum ersten Mal an diesem Tag packte sie die Panik.

Den Hausmeister hatte sie kaum gekannt, was nichts an ihrer Erschütterung über dessen Tod änderte, doch nun waren neben den Bewaffneten nur noch Schüler da draußen vor der Tür. Schüler, mit denen sie teilweise gut befreundet war.

Was hatte sie da gerade gehört? Nur einen Warnschuss?

Sie wollte über die anderen Optionen gar nicht nachdenken, denn sie hatte genug gesehen, um zu wissen, dass ihre Kidnapper durchaus dazu fähig waren, einen Menschen zu töten.

Automatisch schnellte ihr Blick zu Shannon, die starr vor dem Laptop lehnte. Für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, so etwas wie Überraschung in ihren Augen zu sehen, vielleicht sogar einen Funken Angst.

Doch so schnell, wie der Ausdruck in ihr Gesicht gehuscht war, so schnell verschwand er auch wieder.

Helena war sich gar nicht sicher, ob sie sich Shannons kleinen Gefühlsausbruch nicht einfach nur eingebildet hatte. 

Shannon richtete sich auf und sah Helena auffordernd an, fast so, als würde sie erwarten, dass diese genau wisse, was zu tun sei.

«Was war das gerade? Dieses laute Geräusch?», wollte Helena wissen, obwohl ihr bewusst war, dass sie da gerade einen Schuss vernommen hatte.

Doch sie hatte Unbehagen und Angst schon immer hinter vielen Worten versteckt, und so gelang es ihr auch in dieser Situation nicht, ihrer Nervosität Einhalt zu gebieten. Shannon, die gerade zum Sprechen angesetzt hatte, seufzte. «Was denkst du denn, was das war? Ich hoffe, du hast gut hingehört, denn dasselbe passiert mit dir, wenn du meinen Anweisungen nicht folgst. Und nun hör zu, wir haben zu tun und nicht viel Zeit.» Trotz ihrer harschen Worte hörte Helena die Unsicherheit aus den Worten ihrer Kidnapperin heraus.

Sie wirkte eher gestresst als kalt, fast schon etwas verzweifelt. Doch gerade Verzweiflung war nicht zu unterschätzen. Helena wusste das aus einigen Krimis und Thrillern, die sie in den Sommerferien auf Zaras Drängen hin gelesen hatte. Und so beschloss sie, Gehorsam zu zeigen und der hageren Frau ihr gegenüber fürs Erste das Gefühl zu geben, dass diese die volle Kontrolle über die Situation hatte. Vermutlich war das ja auch so – Helena war schließlich nicht bewaffnet, hatte keine großartigen Kenntnisse in Selbstverteidigung und einen kühlen Kopf hatte sie spätestens seit dem Schuss auch nicht mehr.

Also setzte sie sich auf den Holzstuhl, den Shannon ihr auffordernd zuschob und hörte ihr angespannt zu. «Was du da vor dir siehst, ist ein Code. Ich weiß, das muss ich dir eigentlich gar nicht erklären, hm? Wir wollen gar nicht viel von dir. Alles, was du tun musst, ist, diesen Code zu knacken. Sollte doch ein Kinderspiel für dich sein, nicht, BitBiter? Wenn du kooperierst, könnten du und deine Freunde schon ganz bald wieder frei sein. Es liegt nur an dir. Also los, wir haben keine Zeit zu verlieren!»

Als sie einen Blick auf das Display warf, stellten sich die kleinen Härchen in Helenas Nacken auf. Bis zu diesem Punkt hatte sie gar keinen Gedanken daran verschwendet, was man als angebliche BitBiter von ihr erwarten würde. Doch jetzt saß sie vor dem flackernden Bildschirm, vor ihr ein Wirrwarr aus weiß leuchtenden Buchstaben und Zahlenkombinationen auf schwarzem Untergrund. Hier und da erkannte sie ein Wort, doch auch das half ihr nicht weiter. Wie auch – sie hatte in ihrem Leben noch nie einen einzigen Code geknackt, verdammt, sie konnte sich ja noch nicht mal helfen, wenn das WLAN mal wieder ausfiel.

Sie starrte noch immer mit glasigen Augen auf den Bildschirm, und erst, als diese zu tränen begannen, merkte sie, dass sie vergessen hatte, zu blinzeln. Sie warf Shannon, die gerade ein Ladekabel in die Buchse des Laptops schob und sie dabei nicht einen Atemzug aus den Augen zu lassen schien, einen nervösen Blick zu.

Noch hatte sie wohl nicht bemerkt, dass Helena die Bilder vor ihr auf dem Display gerade zum allerersten Mal sah. «Der Akku vom Laptop ist kaputt, daher das Kabel. Lass dich gar nicht stören und fang endlich an.» Helena schluckte. Es half ja alles nichts. Sie musste die Scharade so lange aufrecht halten, bis sich eine Fluchtmöglichkeit ergab oder jemand sie rettete. Warum musste sie auch die Heldin spielen? Sie massierte sich die Schläfen, einerseits, um nachdenklich zu wirken, andererseits, weil ihr Kopf wirklich etwas zu brummen begann.

Es war keine bewusste Entscheidung gewesen. Sie hatte ihren engen Freunden gegenüber schon immer einen gewissen Beschützerinstinkt gehabt, gerade bei der ruhigen Zara. Normalerweise zeigte sich dieser aber eher in kleinen Gesten, wie dem Einbeziehen von ihrer Freundin in Gespräche, wenn es dieser schwer fiel, gegen die vielen lauten Stimmen der anderen anzukommen. Vielleicht sah sie sich aber auch nur gern als Heldin einer Geschichte.

Als Hauptcharakter in ihrem eigenen Leben. Sie war schon immer etwas neidisch auf Zaras Hackingkünste gewesen, denn auch wenn es ihr nie an guten Noten oder Hobbies gefehlt hatte, hacken konnte sie nun mal nicht. Ihr war durchaus bewusst gewesen, dass Zara sich ‹BitBiter› nannte und dies sogar mit Stolz und Leidenschaft tat. Tatsächlich hatte sie ihr auch so einiges erzählt, doch dabei gewesen, wenn ihre Freundin wirklich Codes knackte oder irgendwelches anderes Hackerzeugs tat, war sie nie.

Leider konnte sie mit Worten wie ‹BootBlock› oder ‹Motherboard› ohne ein Bild im Kopf gerade herzlich wenig anfangen. Sie bewegte die Finger über die Tastatur und tippte einige völlig willkürliche Zahlenkombinationen ein, woraufhin der Laptop keinerlei Reaktion zeigte. Ein kalter Schweißtropfen rann ihr über den Rücken. Shannon setzte sich in Bewegung, schien ihr über die Schulter gucken zu wollen. Helena wusste instinktiv, dass sie ihre Kidnapperin irgendwie ablenken musste.

Shannon durfte auf keinen Fall bemerken, dass sie keine Hackerin war, ja dass sie wahrscheinlich sogar weniger Ahnung von Codes hatte als Shannon selbst. «Was ist das hier für ein Code? Ich habe ja schon vieles gesehen, aber an einen solchen kann ich mich nicht erinnern», sagte sie mit möglichst ruhiger Stimme. Sie spürte die Präsenz der Frau hinter sich wie ein leichtes Kribbeln, war sich deren prüfendem Blick auf ihre Finger bewusst. «Natürlich kann ich ihn trotzdem knacken», fügte sie hastig hinzu, «aber es würde mir helfen zu wissen, was ich hier eigentlich genau suche.»

Einige Sekunden hörte sie gar nichts bis auf den flachen Atem der anderen, dann setzte Shannon zu einer vagen, gedehnten Antwort an. Irgendwas über einen Bankaccount, viel Geld und einen Firmenchef, der es eh nicht verdiene, reich zu sein. Helena wusste sofort, dass Shannon sie mit einer aus dem Stegreif ausgedachten Story abgefrühstückt hatte, was sie aber nicht weiter störte. Es war ihr herzlich egal, was der Code enthüllen würde, denn sie würde ihn ohnehin nie knacken.

Viel mehr störte sie, dass die große Frau ihre Aufmerksamkeit jetzt noch viel mehr auf den Bildschirm vor sich zu richten schien und augenscheinlich immer nervöser wurde. Hier und da warf sie einen Blick auf die Uhr am rechten Bildschirmrand, und mit jedem Mal schien sie drängender zu werden. Helena wollte gerade zu einer Ausrede ansetzen, irgendwas in der Art, dass sie sich erstmal wieder einfuchsen musste, als der Bildschirm vor ihr plötzlich flackerte.

Alarmiert sah sie den Buchstaben dabei zu, wie sie in immer häufigeren Abständen vom schwarzen Hintergrund verschluckt wurden. Als Shannon näher an ihre Seite trat, zuckte sie kurz zusammen. «Was ist los? Hast du was? Bist du fertig?», überflutete sie die völlig überforderte Schülerin nervös mit Fragen. Sie klang hoffnungsvoll, fast etwas freudig, hatte sie doch den erschrockenen Gesichtsausdruck in Helenas Augen völlig falsch interpretiert. Sie zog die Brauen zu einem säuerlichen Gesichtsausdruck zusammen, als sie den Bildschirm genauer betrachtete. «Was hast du da …» Sie konnte ihren Satz kaum zu Ende bringen, als das Flackern plötzlich aufhörte.

Doch anstelle der vielen Zahlen und Buchstaben sah sie nur noch Schwärze. Der Code war weg und anstelle des leisen, motorischen Brummens des Laptops war da nur noch eine schneidende, alles verschluckende Stille. «Ich muss auf Klo!» Alle erstarrten und schauten Lucia an. Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Tom war vermutlich tot, vor wenigen Minuten erschossen, und Lucia fiel nichts Besseres ein, als kundzutun, dass sie auf die Toilette musste?!

Amy, der der Schock immer noch ins Gesicht geschrieben stand, schaute ihre Freundin fassungslos an. Und dann sprach sie das aus, was allen durch den Kopf ging. Oder besser gesagt, sie schrie: «Was denkst du dir eigentlich, du dämliche Kuh?! Tom ist gerade erschossen worden und das Erste, was dir danach einfällt, ist, dass du auf ’s Klo musst? Warum bin ich eigentlich mit dir befreundet? Du bist so rücksichtslos, dir ist es doch sowieso egal und überhaupt …»

Sie brach in Tränen aus. Lucia stand bestürzt daneben. Amy kannte den wahren Grund, warum Lucia «auf die Toilette musste» ja gar nicht. Lucia konnte nicht glauben, dass sie Tom wirklich erschossen hatten. In Wahrheit wollte sie versuchen, abzuhauen, nach Tom zu sehen und Hilfe zu holen. Aber wie sollte sie das ihrer Freundin erklären, wenn zwei Terroristen neben ihnen standen? Verflucht! Sie wollte ihre Freundin nicht verletzen. Aber sie musste einfach wissen, was mit Tom passiert war. «Verdammt Amy, es tut mir so leid.

Natürlich geht es mir auch sehr nah, was mit Tom passiert ist, und ich kann es nicht glauben.» Vielleicht verstand sie den Wink? «Aber ich muss nun mal ziemlich dringend Pipi, das kann man nicht einfach abstellen. Auch in den absurdesten Situationen nicht. Aber ich meine das doch nicht so, wie du denkst, Amy. Es tut mir leid.» Amy schluchzte immer noch. Lucia stand auf und schaute zu den beiden Erwachsenen im Raum. Die Frau hatte immer noch die Waffe.

«Darf ich bitte kurz zur Toilette? Ich muss wirklich dringend!» Francis sah Hans-Werner an. Sie schien zu überlegen. Er nicht: «Nein verdammt, wenn du so dringend musst, dann mach doch in die Ecke da drüben.» Lucia schaute angewidert. «Ganz sicher nicht. Es ist ein menschliches Recht, auf Toilette gehen zu dürfen. Also wenn ich jetzt bitte kurz …» Hans-Werner setzte an, etwas zu sagen, doch Francis kam ihm zuvor. Sie legte beruhigend eine Hand auf seinen Arm und wisperte: «Lass gut sein, Hans-Werner. Ich gehe schnell mit der Göre zur Toilette und bin in drei Minuten wieder da. Dann ist wenigstens wieder Ruhe.»

Hans-Werner überlegte einen Moment und schien dann einverstanden. «Ok», sagte er langsam. «Aber dann gib mir die Waffe.» «Was? Nein, ganz sicher nicht. Ich habe die Waffe, das war so abgemacht. Du kannst damit doch gar nicht umgehen!», entrüstete sich Francis. «Natürlich kann ich damit umgehen, wie soll ich deiner Meinung nach diesen Haufen wilder Bälger bändigen? Die hauen mir sonst noch ab», verteidigte sich Hans-Werner.

Also wechselte die Waffe von Francis zu Hans-Werner und Francis verließ mit Lucia den Raum. Hans-Werner wirkte mit der Art und Weise, wie sich die Dinge entwickelten, nicht gerade zufrieden. Er hielt die Pistole, die Francis ihm ausgehändigt hatte, fest umklammert und zog sich auf eine Schulbank auf der anderen Seite des Raumes zurück.

Abgesehen von einigen hervorgestoßenen Befehlen vor ein paar Minuten hielt er sich aber mit dem Reden zurück, sodass die Schüler nur vermuten konnten, was sich in ihm abspielte. Sie beobachteten ihn verstohlen, wie er dasaß und mit dem Lauf der Pistole gegen seinen Oberschenkel klopfte. Es schien ein Zeichen der Nervosität zu sein, und insgeheim hofften sie, dass er sich mit dem Ding selbst verletzte, aber ganz so hilflos wirkte er dann doch nicht.

Nach einem Moment der unangenehmen Stille wies er sie an, ihre Tätigkeiten wieder aufzunehmen: «Ihr seid doch hier, weil ihr nachsitzen müsst, oder? Gab es da eine Aufgabe, irgendetwas, das ihr tun solltet?» «Wir sollen Akten entstauben», sagte Zara vorsichtig. «Und alphabetisch sortieren.» «Ja, na, dann macht das doch einfach.» Hans-Werner klang selbst nicht sehr überzeugt, hielt aber an dem Plan fest. «Warum habt ihr damit denn noch nicht angefangen? Hat man euch gesagt, worauf genau ihr achten sollt?» «Nicht wirklich.»

Jannes lehnte sich gegen einen der Tische. «Herr Markgraf wollte nochmal zu uns zurückkommen, ihn hätten wir gefragt.» Augenblicklich wich die Farbe aus Hans-Werners Gesicht. «Das kommt mittlerweile eher weniger infrage», sagte er, wobei seine Stimme auffällig hoch klang. Er räusperte sich und nickte zu den Aktenordnern hin. «Na los, so schwer kann es nicht sein. Fangt einfach an.» Obwohl er dabei alles andere als nonchalant klang, beeilten sich die Schüler damit, der Anweisung Folge zu leisten.

Zara und Jannes nahmen sich die ersten Stapel vor, während Amy und Markus mit Staubwedeln über die Regale fuhren. Ihre Blicke huschten immer wieder zu der Pistole, doch Hans-Werner schien fürs Erste keine unbändige Gefahr zu sein. Tatsächlich versuchte er einige Male, ein Gespräch in Gang zu bringen. Keiner dieser Versuche gelang jedoch. Die Stimmung war ohnehin eher angespannt und von den Kindern war keines bereit, mit ihm über Hobbies oder Schulfächer zu reden. Gerade, als Hans-Werner es schließlich aufgeben wollte, rang Zara sich zu einer Frage durch. «Warum machen Sie das?», wollte sie wissen.

«Das alles hier. Insgeheim wissen Sie doch, dass das nicht richtig ist.» «Wir haben … wir haben eine sehr wichtige Mission!» «Und dafür brauchen Sie die Hilfe einer Schülerin?» Jannes klang skeptisch. «Also nicht, dass wir alle nicht absolute Genies wären, ist ja klar. Aber wäre es nicht besser, Sie würden mit jemandem arbeiten, der … wirklich einen Plan hat?» «Wir hatten einen, aber dann kam etwas dazwischen.» Hans-Werner hielt inne, als hätte er zu viel gesagt. Er wurde rot und legte die Pistole neben sich auf dem Tisch ab, um sich peinlich berührt die Hände zu reiben. Markus‘ Blick glitt sofort zu der Pistole, aber er kaschierte die Neugier mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck.

«Aber zum Glück habt ihr tatsächlich ein Genie in eurer Mitte!», versuchte Hans-Werner von der offenen Frage abzulenken. Zara zog hastig einen neuen Aktenstapel zu sich heran. «Mit der Hilfe eurer Freundin wird unser Unterfangen kein Problem darstellen, weder für uns noch für euch. Ehe ihr es euch verseht, sind wir weg, und ihr werdet nie wieder etwas von uns hören!» «Sie wissen doch, dass das hier in irgendeiner Weise Konsequenzen für Sie haben wird», gab Jannes zu bedenken.

«Sie sind in eine Schule eingebrochen und haben Schüler bedroht. Und Sie haben unseren Hausmeister erschossen.» Amy zuckte wieder zusammen, aber Jannes achtete nicht darauf. «Ich habe ihn nicht erschossen!», begehrte Hans-Werner sofort auf, um gleich darauf wieder in sich zusammenzusinken. «Also ich meine, falls jemand fragen sollte, ich war es definitiv nicht! Und was die Konsequenzen angeht – selbst wenn das so wäre, das Risiko ist es wert.»

«Was wäre das Risiko wert?», hakte Zara nach. Hans-Werner wurde still, als würde er das selbst nicht genau wissen. Hinter Zara hatte sich Markus zu Jannes gesellt und murmelte ihm etwas ins Ohr, so leise, dass Hans-Werner es nicht verstand. Er war zu beschäftigt damit, eine geeignete Antwort auf die Frage zu finden.

«Ihr findet das schon noch raus», wiegelte er schließlich ab. «Ihr habt doch bestimmt alle einen Fernseher zu Hause, oder? Dachte ich mir. Dann werdet ihr früher oder später mitkriegen, wovon ich spreche.» Das klang überhaupt nicht beruhigend, aber keiner der Schüler fragte nach. Stattdessen deutete Jannes auf die Stapel vor sich und räusperte sich. «Okay, aber sagen Sie mal, ähm …» Er kratzte sich am Hinterkopf. «Hätten Sie vielleicht ein Problem damit, uns hier ein bisschen zu helfen? Hier gibts eine Bezeichnung für einen Ordner, ich weiß echt nicht, was das bedeuten soll. Wir sollen die Akten ja nicht nur alphabetisch sortieren, sondern auch inhaltlich. Vielleicht wissen Sie ja, was hier damit gemeint ist.»

Zara neben ihm starrte ihn an, als hätte er nicht alle Tassen im Schrank. Doch Jannes’ Aufmerksamkeit galt Hans-Werner, der von der Frage überrumpelt zu sein schien und ein wenig herumdruckste. «Ich habe davon wahrscheinlich noch weniger Ahnung als ihr, ich denke nicht, dass ich da eine große Hilfe bin …» «Sie müssen ja auch nicht bei den Akten selbst helfen!», fuhr Jannes eifrig fort. «Da ist wirklich nur dieser eine Ordner, bei dem ich nicht weiß, was die Bezeichnung bedeuten soll. Schauen Sie mal, hier: Gehört das eher ins Sekretariat oder eher ins Archiv für ehemalige Klassenarbeiten?»

Hans-Werner seufzte und erhob sich von seinem Platz, um sich bei Zara und Jannes über die Akten zu beugen. Er stutzte. «Was soll das denn sein? Haben eure Lehrer immer so merkwürdige Bezeichnungen? Das sieht aus wie eine lächerlich lange Abkürzung, aus der wird ja niemand schlau!» Markus nutzte die Gelegenheit, solange sie sich ihm bot: Er sprang von dem Regal mit dem Ordner los in Richtung der Pistole auf der anderen Seite des Zimmers.

Hans-Werner erschrak und sah etwas zu spät, was Markus vorhatte. Er hetzte ihm nach und schlug seine Hand weg, als Markus sich umdrehte und schießen wollte. Einige Sekunden lang rangen sie miteinander um die Waffe, während Jannes und die beiden Mädchen mit vor Schreck geweiteten Augen zuschauten. Dann wurde es mit einem Mal stockfinster. Ein Schuss fiel und Amy stieß einen spitzen Schrei aus. «Was zur …»

Hans-Werners Stimme schallte durch die Dunkelheit. «Du verfluchter Bengel, was fällt dir ein?» Ein Schnauben von Markus war zu hören, bevor er sich hastig wieder ans andere Ende des Raumes verzog, wo er die anderen vermutete. «Amy!» Das war Zaras Stimme. «Amy, geht es dir gut?» «Ja … ja, ich bin nicht verletzt.» Amy zitterte am ganzen Körper. Bei dem lauten Geräusch hatte ihr Herz einen Moment ausgesetzt.

Sie wusste nicht, wer zuerst an die Pistole gekommen war – Markus oder Hans-Werner. «Aber der Schuss, wurde jemand getroffen?» «Ich nicht», kam es kleinlaut von Jannes. Auch er war wie vom Donner gerührt. «Markus, bist du okay? Heilige Scheiße …» «Ihr haltet die Klappe!», keifte Hans-Werner. Er klang mit einem Mal wie ein Wahnsinniger, die Stimme hoch und piepsig. Und er rang nach Atem. Die Schüler zuckten zusammen.

«Ihr Blagen seid jetzt still, ihr alle miteinander!» In dem Moment hämmerte es an die Tür. Lucia war unendlich froh: Der erste Teil ihres Plans hatte funktioniert! Doch jetzt kam das Schwierigste: Wie sollte sie abhauen? Die Frau behielt sie im Auge und ging so dicht hinter ihr, dass sie ihren Atem im Nacken spürte. Sie beschloss, ein bisschen Smalltalk zu machen: «Wie heißt du eigentlich?» fragte Lucia. «Das geht dich gar nichts an», erwiderte die Frau. Ok, das würde schwierig werden. «Warum machst du das hier? Kinder in einem dunklen Keller gefangen halten und Leute erschießen?»

Das war doch durchaus eine berechtigte Frage. Das fand Francis auch, doch sie blieb hart: «Wir sind nicht zum Schwatzen hier, sondern weil du auf die Toilette musst. Also halt deine Klappe und geh ein bisschen zügiger. Wir haben nicht ewig Zeit.» Jetzt war das Mädchen still. Doch Francis musste an ihre Frage denken: Warum? War das nicht wahnsinnig, was sie hier tat? Seit wann konnte sie so grausam sein?

Sie spürte die leere Stelle an ihrer Hüfte, wo vorher noch die Waffe war. Mein Gott, dachte sie. Sie hatte diese gegen ein Kind gerichtet! Niemals hätte sie wirklich geschossen, aber immerhin hatte sie das Kind in Todesängste versetzt. Ja, sie wollte ihren Mann und ihre Kinder rächen. Aber diese unschuldigen Kinder hatten doch gar nichts damit zu tun! Ach, wenn Friedrich doch nur nicht gestorben wäre! Verdammt, sein Tod an sich war ja schon schlimm.

Aber wegen dieses Vorfalls hatte sie nun schon einen Hausmeister erschossen und Kinder erpresst. Wie weit würde sie noch gehen? Francis war kurz vor einem emotionalen Ausbruch. Sie wollte doch nur ihre Familie zurück! Ihre geliebten Kinder und ihren Mann. Warum war das nur passiert? Warum mussten ausgerechnet sie Opfer dieser verdammten Versuchsstation werden? Francis schluchzte leise. Lucia drehte verblüfft den Kopf und sah eine Träne über ihre Wange rollen.

«Was ist los?» fragte sie bestürzt. «Ach man, es ist doch nur … Ich will doch nur meine Kinder zurück. Und meinen Mann. Und überhaupt, die Welt ist so ungerecht!», schluchzte Francis. «Was ist mit deinen Kindern? Und mit deinem Mann?», fragte Lucia. «Tot. Alle.» sagte Francis ausdruckslos. Dann besann sie sich und sagte: «Aber das geht dich nichts an. Wo ist denn endlich diese blöde Toilette?»

Lucia erkannte, dass ihre Chance, mit der Frau zu reden, wieder vorbei war und antwortete deswegen nur: «Gleich da vorne, bei dem Notausgangsschild.» Lucia öffnete die Tür zu den Toiletten und verschwand in einer Kabine. Francis stellte sich direkt davor und lauschte angespannt. Plötzlich fiel etwas zu Boden. Verflixt. Sie konnte hier nicht weg.

Ein Fauchen. War das ein Tier? Auch Lucia in der Kabine hörte die Geräusche. Aber im Gegensatz zu Francis erkannte sie das Fauchen: Das war Flora, die geliebte Katze des Hausmeisters! Vielleicht konnte die Katze ihr helfen? Die Frau zum Beispiel weglocken? Lucia schaute unter der Tür durch. Mist, sie stand immer noch genau vor der Kabine. Was nun? Fliehen war aussichtslos. Vielleicht klappte es auf dem Rückweg. Sie musste es versuchen!

Für Tom. Sie wollte auch mal mutig sein. Es konnte doch nicht so schwer sein, einer unbewaffneten Frau zu entkommen! Wenn da nur nicht ihre Angst gewesen wäre. Sie versuchte, sie zu vergessen, atmete tief durch, trat aus dem Klo und schlug die Tür ins Gesicht der Frau. Ups! Francis hatte so angestrengt gelauscht, dass sie Lucia völlig vergessen hatte. Den Schmerz ignorierend, packte sie Lucia fest am Arm und zog sie hinter sich her.

Sie würde schon rauskriegen, wer sich hier herumtrieb. Das Mädchen schrie kurz auf, der Griff war wohl etwas fest, und stolperte. Sie waren gerade mal zwei Türen weit gekommen, als plötzlich das Licht ausging. Mist, Mist, Mist verdammter! Dieser kleine Rumtreiber, wer es auch war, hatte wohl für einen Stromausfall gesorgt. Francis bekam leichte Panik. Sie atmete tief ein. Ganz ruhig bleiben. Du gehst jetzt mit der Göre zurück zu Hans-Werner und ihr überlegt gemeinsam, was jetzt zu tun ist. Genau das würde sie tun. Lucia hielt ganz still. Ihre Chance!

Die Frau hatte das Konzept verloren. Und sie kannte sich hier unten zudem nicht aus. Lucia hatte nicht viel Zeit. Sie musste diesen Moment nutzen. Komm Lucia, sei nicht so ängstlich, sagte sie sich selbst. Sie wartete noch drei Sekunden, dann drehte sie den Arm in einer raschen Bewegung nach hinten, sodass sich der Griff der Frau löste. Sie war frei! Und sie rannte. Rannte immer weiter um ihr Leben, spürte, dass die Frau sie verfolgte. Aber weit würde diese nicht kommen. Es war dunkel und sie konnte nur ihrem Gehör folgen.

Lucia dagegen kannte den Keller und auch die Dunkelheit machte ihr nichts aus. Sie musste ja nur weg von der Frau. Auch, wenn es im Dunkeln bedeutend gruseliger war hier unten. Sie keuchte leise, als sie hörte, dass die Schritte hinter ihr verstummten. Gab die Frau auf? Auf Zehenspitzen schlich sie, so schnell sie konnte, in den nächstbesten Raum und versteckte sich hinter der Tür. Puh! Geschafft.

Erschöpft lehnte Lucia sich an die Wand. Was jetzt? Francis geriet in Panik. Das Mädchen war ihr entwischt. Die konnte verdammt leise rennen. Und es war dunkel. Jetzt trieb sie sich hier irgendwo rum. Francis fluchte. Das war das Unpraktischste, was ihr jetzt hätte passieren können. Sie musste das Mädchen finden.

Aber wie? Ohne Licht zu suchen, war sinnlos. Aber zurück konnte sie ohne das Mädchen auch nicht. Was würde Hans-Werner sagen? Diese kleine Mistgöre! Francis war nah dran zu heulen. Warum musste ihr das passieren? Warum hatte sie es nicht mal geschafft, ein kleines Mädchen festzuhalten? Erbärmlich. Sie machte halbherzig ein paar Schritte in die Richtung, die das Mädchen vermutlich eingeschlagen hatte. Oder war sie doch nach rechts gelaufen?

Ach, das hatte keinen Sinn! Also zurück. Aber wie? Sie kannte sich hier nicht aus und war einfach blind dem Mädchen hinterhergerannt. Plötzlich hörte sie einen Schuss. Francis erstarrte. War das ihre Pistole gewesen, die sie bei Hans-Werner gelassen hatte? Sie tastete sich an der Wand entlang, in der Richtung, aus der sie gekommen war. Und tatsächlich: Nach ein paar Minuten sah sie das leuchtende Schild an der Toilette. Und dort ging es nur in einer Richtung weiter.

Also nach links. Sie würde diesen blöden Nachsitz-Raum schon finden. Aber das spärliche Licht des Notausgangsschildes reichte nicht weit. Sie war wieder im Dunkeln. Einfach geradeaus laufen, wie auf dem Hinweg, sagte sie sich. Sie ertastete offene und geschlossene Türen, bis irgendwann das nächste Notausgangsschild zu sehen war. Sie stürzte auf den Raum zu. Hinter der Tür hörte sie laute Stimmen. Hans-Werner klang panisch.

Sofort hämmerte sie gegen die Tür. «Was ist denn da drin los?», fauchte Francis. «Hans-Werner, wenn ich angeschossen werde, sobald ich reinkomme, siehst du nie wieder das Tageslicht, dass das klar ist!» Hans-Werner erschrak. «Es ist nichts passiert!», stieß er hervor, sobald er wieder Luft bekam. «Nur eine kleine Auseinandersetzung!»

Die Kinder hörten vorsichtige Schritte, während er sich seinen Weg durch das Zimmer bahnte und schließlich die Klinke herunterdrückte. Auf der anderen Seite war natürlich auch kein Licht, trotzdem schien Francis‘ Präsenz den Raum noch mehr zu verdunkeln. «Dieser verfluchte Strom», zischte sie. Mit einem entschiedenen Ruck zog sie die Tür hinter sich zu. «Ich habe fast den Weg nicht mehr zurückgefunden. Und das Mädchen ist mir entwischt, diese kleine Göre.»

Die Schüler spitzten die Ohren. Währenddessen wurde Hans-Werners Atem langsam wieder ruhiger. Er richtete sich auf und zog seinen Rollkragenpullover zurecht. Trotz des kühlen Kellers war ihm ungewöhnlich warm. «Das Mädchen, das zur Toilette wollte?» «Wer denn sonst», knurrte sie. «Sie ist geflohen. Dieses gottverdammte Balg war weg, bevor ich blinzeln konnte. Hätte ich die Pistole bei mir gehabt, wären die Dinge anders gelaufen!»

Sie überlegte. «Und wie es sich anhörte, war die in deinen Händen auch nicht gut aufgehoben.» «Ich hatte alles unter Kontrolle!», beteuerte Hans-Werner und schaute verärgert in die Richtung, in der er Markus und Jannes vermutete. «Das war nur ein Moment der Ungehaltenheit, wirklich.» Sichtlich bemüht darum, das Thema zu wechseln, hakte er nach: «Was ist überhaupt mit Shannon und dem anderen Mädchen? Was denkst du, wie lange die brauchen werden?»

«Woher soll ich denn wissen, wie lange sowas dauert? Wenn ich mich mit dem Zeug auskennen würde, hätten wir uns die ganze Angelegenheit hier sparen können.» Francis‘ Stimme war eisig. Von allen Terroristen kam sie den Kindern mit am bedrohlichsten vor. Sie hatte dieses skrupellose Etwas, bei dem einem mulmig wurde. «Wir hätten auf diese Angelegenheit auch verzichten können!», rief Jannes schließlich aus einer Ecke. «Wir sollten hier eigentlich nur nachsitzen, wissen Sie.»

«Ja, und wir können auch immer noch einfach gehen», sagte Amy kleinlaut. «Wir versprechen, wir sagen auch nichts. Geben Sie uns einfach Helena und Lucia und …» Sie hielt inne. Unterdrückte ein Schluchzen. «Geben Sie uns einfach die beiden und wir gehen. Wir machen Ihnen auch keine Probleme! Wir werden niemandem erzählen von dem Einbruch und von … Herrn Markgraf.» «Für den Fall, dass du mir gerade nicht zugehört hast, eure Freundin ist mir durch die Lappen gegangen!», sagte Francis gereizt.

«Und dass du immer noch nicht kapiert hast, weshalb wir überhaupt hier sind – hier wird niemand einfach so gehen, wir sind nämlich aus einem Grund gekommen! Eure gute BitBiter wird uns bei einer sehr wichtigen Sache helfen.» Zara schwieg. Hans-Werner hatte sich soweit wieder gefangen, dass er vorsichtig an seinen Stammplatz vorn auf dem Tisch zurückkehren konnte.

Er bemühte sich um eine selbstsichere Miene, aber die sahen die Schüler ohnehin nicht. Außerdem hatten sie ihm zu sehr auf den Zahn gefühlt, als dass sie ihm das jetzt noch abgekauft hätten. «Das heißt, Sie wissen auch nicht, wie lange das hier dauert?», fragte Markus gedehnt. Die anderen drei drehten sich überrascht zu seiner Stimme um. Seit seinem Pläneschmieden mit Jannes hatte er nicht ein Wort gesagt.

«Sie können uns nicht sagen, wie lange wir hier noch bleiben müssen?» «Wir wissen nicht mal, was wir danach mit euch …», begann Hans-Werner, wurde jedoch von Francis unterbrochen. «Warum, musst du heute noch irgendwo hin?», spöttelte sie. «War das Nachsitzen etwa nicht das Hauptevent deines heutigen Tages?» Markus verstummte, als müsse er ihre Frage dreimal im Kopf wiederholen. «Nein?» Seine Reaktion ließ Francis schnauben. Sie bewegte sich in HansWerners Richtung, fluchte, als sie gegen eine Schulbank lief, und blieb schließlich in seiner Nähe stehen. «Wir warten, bis BitBiter ihre Aufgabe erfüllt hat, und dann sehen wir weiter.»

 

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